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Wahrheit

Ich sah es in seinem Gesicht. Er glaubte mir nicht. Nichts von dem, was ich sagte. Kein einziges Wort.

„Warum fragen Sie immer weiter, wenn Sie mir nicht glauben?“

„Ich glaube Ihnen. Wenn Sie mir die Wahrheit sagen.“

„Ich versichere Ihnen, ich sage die Wahrheit,“ rief ich.

„Ihre Wahrheit. Vielleicht.“

„Ja. Natürlich. Meine Wahrheit. Welche denn sonst? „

„Sie entspricht nicht der meinen.“

„Sie entspricht dem, was geschehen ist. „

„Aus Ihrer Sicht.“

„Das wollten Sie doch wissen. Ihre eigenen Sicht kennen Sie ja.“

„Es ist nicht das, was wirklich geschehen ist.“

„Woher wollen Sie das wissen?“

„Ich weiß es eben.“

Und jetzt erinnere ich mich, dass mir auch mein Vater nicht glaubte. Schon als ich noch ein Kind war. Egal was ich sagte. Ob ich nun weinte, schrie und mit dem Fuß aufstampfte. Es nützte nichts. Auch später, als ich soweit war, ihn auf offensichtliche Bezüge hinzuweisen, die das, was ich sagte erhärteten. Oder sogar deutlich zeigten. Er glaubte mir einfach nicht. Dieses oder jenes sei oder so und nicht anders gewesen. Behauptete er. Einfach so. Daraus folgerte er, dass sich dieses oder jenes zwingend ergeben habe. Ja, ergeben haben musste. Ich hatte keine Chance. Er fragte mich. Hörte sich an, was ich sagte. Immerhin. Baute sich dann seine eigene Geschichte daraus zusammen. Nannte sie die Wahrheit. Und war unumstößlich davon überzeugt, damit bewiesen zu haben, dass das, was ich gesagt hatte, gelogen war. Gelogen sein musste.

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„Die Anhalterin“

Prolog zu meinem neuen Roman

Prolog

„Kaum erwachen wir aus der Ursuppe, fangen unsere Probleme an,“ sagt Teresa in einem Tonfall,  als wolle sie mir auf die Sprünge helfen, etwas zu verstehen, was sie durchschaut habe. Ich aber wohl noch nicht. Ich beobachte, wie die Worte durch ihre Lippen rutschen.

„Wir schauen über den Tellerrand,“ sagt sie, „und was stellen wir fest?“

Ich schaue sie an.

„Du sollst nicht mich anschauen! Dort draußen! Was siehst du?“

Ich wende mich kurz von ihr ab.

„Na was schon?“ sagt sie, „dass alles schon da ist.“

Alles? Denke ich. Was meint sie mit ‚alles‘. Und schaue sie wieder an.

„Alles eben,“ sagt sie, „Straßen. Gehwege. Häuser. Brücken. Fahrräder, Motorräder. Autos. Schiffe. Flugzeuge und Kinderwägen. Verstehst du?“

Ich frage mich, worauf sie hinauswill.

„Skateboards, und Roller, Häfen, Bahnhöfe, Kirchen, Tempel und Moscheen,“ sagt sie, fixiert mich mit einem herausfordernden Blick.

„Und inzwischen auch wir,“ sagt sie.

„In unserer Nichtigkeit,“ fügt sie hinzu.

Ich habe keinen blassen Schimmer, was sie mir mit ihrer Aufzählung sagen will. Wo sind die erwähnten Probleme?

Einstweilen erfreue ich mich ihrer Mundbewegungen.

Vor allem beim A, wenn sich ihre Lippen öffnen. Oder beim U und Ü. Wenn sie ihre Ober- und Unterlippe nach außen stülpt. Ihren Mund kreisrund formt. Und mir den dunklen Vokal gleichsam entgegen küsst.

Und prompt sagt sie: „Uuuuursuuupe, Schuulen, Uuuniversitäten und Fluuugplätze Rollschuuhe Suuupermärkte Tuunnels. Büüüühnen und Lüüüüfte.“

Dabei wendet sie ihren Blick nach innen.

Was sie dort sieht, weiß ich nicht. Vielleicht das, was mir, ihrer Ansicht nach, entgangen zu sein scheint? Und das sie mir nun mit ihrer Aufzählung zu verklickern versucht?

Ich lege mein Kinn auf dem Tellerrand ab. Schaue mich um.

Ja, stimmt schon. Es ist alles da, was sie aufzählt.

„Verstehst du? Wir sind hier überflüssig,“ sagt sie.

Ja. Vielleicht sogar unerwünscht, denke ich. Und, da hat sie schon recht, es gibt kaum noch Platz, sich dazwischen zu klemmen. Und, denke ich, vielleicht steht der Teller, über dessen Rand wir schauen, in einem weiteren noch größeren Teller. Jenseits dessen Ränder sich noch viel mehr befindet. Was wir von unserem Tellerrand aus gar nicht sehen. Uns nicht einmal vorzustellen vermögen. Und wäre es nicht möglich, sinniere ich weiter, dass auch dieser Teller in einem anderen, noch größeren ruht? Wir uns lediglich von Teller zu Teller vorarbeiten? Nie wirklich zu sehen bekommen, was außerhalb all dieser Teller ist? Vorausgesetzt wir schafften es diesen Teller überhaupt zu verlassen, über dessen Rand wir gerade schauen. Und falls es denn überhaupt ein ‚außerhalb‘ gibt.

„Friedhööfe und Rechnungshööfe,“ sagt Teresa jetzt, „die Bööörse, allerlei Lööcher und Höööhlen. Die Ööölkrise und die Mindestlööhne.“

Auch ihr Ö liebe ich. Wenn sie ihren Mund wie ein Eichhörnchen spitzt. Und sich ihre Lippen, fast blutleer, über die obere Zahnreihe wölben. 

Aber jetzt sagt sie: „Droogerien Strooom. Telefoon. Ooopernhäuser. Kinoos. Und das Rooote Kreuz.“

Und diese O’s haben etwas Verschlingendes. Wie Schwarze Löcher im Universum. Die alles um sich herum in sich hineinsaugen. Und komprimieren. Besonders, wenn sie Worte ausspricht, in denen zwei O’s vorkommen. Wohnblock, Vorhof, Hoftor. Zum Beispiel. Oder gar zwei O’s hintereinander. Wie Moor. Moos. Zoo…

Unerträglich, der Sog, der von den aufeinander folgenden O‘s ausgeht. Ich muss mich am Tellerrand festklammern. Um nicht von ihnen eingeschlürft zu werden.

Stopp! Stopp! Stopp! Es reicht. Denke ich. Sage es aber nicht. Und Teresa zählt weiter auf.

„Staadtspaarkaasse“, Kraaankenhäuser, Gaasleitungen, Waaaschstraaaßen, Kaasernen, Faaabriken, Raaadios. Und das Staaandesaaamt.“

Und jetzt finde ich auch ihre A’s bedrohlich. Sie husten wieder heraus, was ihre O’s eingesogen haben. Verdichtet. Angriffslustig. Frontal auf mich zu.

Um ihre O’s und A‘s nicht mehr sehen zu müssen, schaue ich zur Seite.

Wie lächerlich, denke ich. Als sei etwas nicht da, wenn ich die Augen davor verschließe! Zumal ich es weiter deutlich höre.

Teresa atmet tief ein. Überrascht mich mit einem weiteren Vokal. Stößt mit erhobener Stimme „Geburtshilfe, Sterbeurkunden und Fußballstadien“ hervor. Ohne die Vokale in die Länge zu ziehen.

Sie sagt „Glücksspiele, Arbeiter und Arbeitgeber, Sterbehilfe, Anwälte, Gerichtsvollzieher und Richter, Terroristen, anerkannte und nicht anerkannte Staatsgrenzen“. Und schöpft nochmal Atem.

Mit erhobener Stimme scheint sie mehr Luft zu benötigen. Anders als bei Blasinstrumenten, denke ich, die in den tieferen Tonlagen mehr Luft erfordern.

„Steuerfahnder, -berater und -hinterzieher,“ sagt sie triumphierend, während ich mit der rechten Schuhspitze der Aufzählung ihrer Begriffe hinterherklopfe.

„Das Internet und der Klimawandel. Ein- und Auswanderer. Fundamentalisten, Gläubige. Atheisten. Fanatiker. Häretiker. Sektierer und die Globalisierung,“ skandiert sie mit schriller Stimme in mein Klopfen hinein. Versucht meinen Blick einzufangen. Und fügt hinzu:

„In all das, was sich in Jahrtausenden ohne unser Zutun entwickelt hat, was Millionen Menschen vor uns erfunden, erdacht, gebaut und auf diesen Planeten gesetzt haben. In all das werden wir, ohne gefragt zu werden, und ohne Vorwarnung hineingeworfen.“ Sie seufzt. „Wieviel wäre uns immerhin erspart geblieben, wenn wir früher aus der Ursuppe gestiegen wären! Sagen wir mal, so vor zehn- oder zwanzigtausend Jahren.“

Sie sagt es in einem Tonfall, als sei ich es, der vor langer Zeit die Entscheidung gefällt hat, die dazu geführt hat, uns jetzt mit all dem konfrontieren zu müssen, was sie gerade aufzählt. 

Und das Schlimmste,“ fügt sie hinzu, „sei unser unentrinnbares Eingebundensein in die Koordinaten von ‚Ich‘, ‚Du‘, ‚Wir‘, und ‚die Anderen‘.

Durch das Küchenfenster sehe ich die Spitze des Fernsehturms in den sich verdunkelnden Himmel ragen. Ihn hat sie bei ihrer Aufzählung unerwähnt gelassen.

„Das ist gar nichts“, sage ich, „gegen das sich endlos wiederholende Ineinanderfließen von Tag und Nacht. Und,“ füge ich hinzu: „das wäre uns auch vor zigtausend Jahren nicht erspart geblieben.“

„Dieses Ineinanderfließen vom Tag in die Nacht, wie du es so poetisch nennst, vollzieht sich seit undenklichen Zeiten, Philipp. Und übrigens auch umgekehrt. Schon lange bevor es ein menschliches oder irgendein anderes Wesen auf diesem Planeten gab,“ lässt mich Teresa wissen, „und das wird sich wohl noch eine Weile wiederholen.“

Und als hätte sie es gerade in den Nachrichten erfahren, sagt sie noch:

„So lange jedenfalls, wie sich die Erde um sich selbst und um die Sonne dreht.“

„Das macht es für mich nicht leichter,“ sage ich, „egal, wer sich um was, oder ob sich überhaupt wer oder was dreht. Es sind diese dahinschleichenden Minuten. Wenn die Nacht den Tag verdrängt. Das Licht am Horizont verblasst. Und Sekunde um Sekunde Helle aus den Häuserwänden sickert. Wenn die Plätze nach und nach ausbleichen. Und während der Tag nach Westen zu abrückt, eine dunkle Wand von Osten heranwächst. Und sich die ostoffenen Straßenschluchten verdunkeln.

„Du steigerst dich da in was hinein, Philipp. Hier in der Stadt ist dieser Übergang doch kaum wahrnehmbar. Kaum verschwindet das Tageslicht, schon flammen die Straßenlaternen auf,“ sagt Teresa.

„Auch sie können nicht verhindern, dass die Nacht die Stadt umstellt.“

„Du lieber Himmel, Philipp, dann mach deine Augen zu und halte sie so lange geschlossen bis es Nacht geworden ist!“

„Das nützt gar nichts. Ich spüre ihn dennoch. Diesen schleichenden Übergang. Wenn das Dunkel von allen Seiten an mich herandrängt. Und sich über mich wirft. Es ist, als ob eine riesige Steinplatte sich auf mich heruntersenkt. Ich fühle, wie sie näher und näherkommt. Gleich wird sie auftreffen. Und mich zerquetschen. Und kann nichts dagegen tun. Ich spüre den Schmerz, den er mir verursachen wird. Lange bevor er auftrifft. Wie ein Phantomschmerz, nur dass er statt nachher, vorher eintritt.“

„Welche Steinplatte denn?“ fragt Teresa.

„Es ist eine Metapher.“

„Die aber nichts taugt für das, was du mir weiszumachen versuchst.“

„Weismachen? Ich will dich nichts weismachen. Der Übergang vom Tag in die Nacht findet de facto statt. Jeden Tag aufs Neue.“

„Aber was hat das mit der Steinplatte zu tun, die dich zerquetscht?“

„Zu zerquetschen droht.“

„Aber du weißt doch, dass sie nicht zerquetscht,“ sagt Teresa.

„Ja. Aber erst hinterher.“

 „Dann zieh die Vorhänge zu! Wirf Decken über dich! Verkriech dich im Keller! Oder grab dich im Garten ein! Dann kriegst du die Dämmerungsphase nicht gar nicht mit.“

„Das ist ja eben. Selbst wenn ich mich in einem Kino, einer hellerleuchteten Galerie, oder inmitten eines ausgestrahlten Cafés vor der einbrechenden Nacht verstecke. Oder im grellen Neonschein eines Kaufhauses. Ich spüre, wie die Farbe aus den Häuserfassaden und Alleebäumen rinnt. Die Dunkelheit das Licht absaugt. Und es hinter Horizont kippt. Ich spüre das. Ohne hinzusehen.“

„Und?“

„Das eben das ist diese Steinplatte, die sich auf mich heruntersenkt und mich zu zerquetschen droht.“

„Ich weiß nicht,“ sagt Teresa. Wiegt ihren Kopf hin und her. Mustert mich eine Weile.

„Gut. Meinetwegen. Auch wenn es denn so wäre-“

„Es ist definitiv so. Den Konjunktiv kannst du getrost beiseitelassen.“

„Okay, okay, Philipp! Aber es geht doch vorüber,“ sagt sie versöhnlich, „und du weißt das. Du hast es tausendmal erlebt. Und stell dir mal vor, die Erde würde in der Phase der Dämmerung für immer innehalten? Dann würde das, was für dich offenbar unerträglich ist für immer und ewig anhalten.“

„Dann gäbe es ja diesen Übergang nicht mehr.“

„Ohne das Dunkel der Nächte, wüssten wir nichts von den auf uns herunterblinkenden Welten, die unsere Erde umkreisen,“ sagt Teresa, „würde dir das nicht fehlen?“

Das kenne ich. Wenn sie mit ihren Argumenten nicht weiterkommt, weicht sie aus und erweitert das Thema in eine andere Richtung.

„Ich habe ja nichts gegen die Nächte. Der Übergang ist, der…“

„…der unerträglich für dich ist. Das hab ich begriffen.“

„Vielleicht wäre es anders, wenn sich Tag und Nacht schneller ineinanderschöben! Einfach, bumm, aufeinander krachten,“ räume ich ein.

„Dann geh in die Tropen!“ sagt Teresa, „dort krachen Tag und Nacht übergangslos aufeinander.“

„Woher willst du das wissen? Bist du je in den Tropen gewesen?“

„Nein, Philipp, bin ich nicht. Aber ich weiß auch, dass sich unter uns Australien befindet. Ohne je dort gewesen zu sein.“

„Was Australien betrifft, ist das eine Frage der Sichtweise. Nur wenn wir uns oben dünkten, trifft deine Aussage zu. Im Übrigen wird wohl auch in den Tropen das Licht allabendlich von der Dunkelheit aufgesogen.“

„Ja. Aber eben, bumm, übergangslos.“

„Wir befinden uns aber nicht in den Tropen, wie dir sicher nicht entgangen ist. Und ich habe auch nicht den Wunsch dort hinzuziehen.“

„Das solltest du dir nochmal überlegen,“ stichelt Teresa, „schon allein wegen des Sprits, den du auf deinen abendlichen Panikfahrten verfährst, und damit der Dämmerung zu entkommen meinst.“

„Und du meinst, Einsparungen würden mich von der Panik befreien, der ich mich ausgesetzt fühle?“

„Dann denke doch mal wenigstens darüber nach, wieviel Dreck du während deiner sinnlosen Dämmerungsfluchten in die Atmosphäre verpuffst!“

„Ich fürchte, auch ökologische Argumente werden meine Qualen während des schleppenden Übergangs vom Licht ins Dunkel nicht mildern.“

„Dann versuche, dich auf Alltägliches zu konzentrieren! Das hilft immer.“

Okay, denke ich, dann eben eine neue Richtung.

„Was gibt es denn Alltäglicheres als die unermüdliche Rotation unseres Planeten?“

„Den Supermarkt. Zum Beispiel,“ sagt Teresa.

Ich muss zugeben, ich bin überrascht. Auf diese Gesprächswende war ich nicht gefasst.

„Der Supermarkt? Okay! Was ist mit ihm?“

„Er schließt in Kürze.“

„Ja, das ist mir bekannt. Er schließt jeden Tag um die gleiche Zeit. Außer sonntags.“

„Und?“

„Was und? Sonntags bleibt er durchgängig geschlossen.“

„Eben. Und heute ist Samstag. Was folgerst du daraus?“

„Dass gestern Freitag war. Zum Beispiel.“

„Mann! Philipp! Was noch?“

Ich habe nicht die geringste Ahnung, was sie mir ihrem Ratespiel bezweckt.

„Du weißt es ja offenbar. Sag es mir einfach!“

„Dass-morgen-Soooonntag-ist, Philipp.“

„Ja. Natürlich. Aber auf was genau willst du nun hinaus?“

„Auf den Küüühlschrank!“, ruft sie

„Den Kühlschrank? Was ist mit ihm?“

„Hast du ihm heute schon einen Blick gegönnt?“

„Sollte ich das??“

„Keinerlei Assoziationen, Philipp, nicht wahr?“

„Er ist leer? Ist es das, was du mir auf diesen Umwegen zu verklickern versuchst?“

„Bingo!“ jauchzt Teresa, „und da böte der naheliegende Supermarkt die Möglichkeit, sich neu zu bevorraten. Zumal morgen Sonntag ist.“

„Ach so. du meinst, ich sollte einkaufen gehen?“

„Zum Beispiel. Aber jetzt geh erst mal ans Telefon! Hörst du nicht, dass es läutet?“

„Diese Vergewaltigung von Beethovens Elise, die der moderne Mensch offenbar angenehmer empfindet als das vertraute Klingeln, nennst du Läuten?“

„Beethoven, Klingeln, Läuten! Das spielt keine Rolle,“ sagt Teresa, „geh-einfach-ran!“  

„Und der Kühlschrank?“

„Um den hättest du dich früher schon kümmern können.“

„Das ist bestimmt Birgit,“ sage ich.

„Woher willst du das wissen?“

„Es ist immer Birgit, die um diese Zeit anruft.“

„Ja. Vielleicht,“ sagt Teresa, „aber wir werden es nicht erfahren, wenn du nicht rangehst.“

„Ich? Ich bin nicht neugierig.“

„Spring einmal über deinen Schatten! Und geh ran!“

„Was hat das mit meinem Schatten zu tun?“

„Phiiiliiipp! Geeeh-ran!“

„Okay. Wenn du das partout willst.“

„Ciao Filippo, ich bin’s, Brigida, wollt mich nur zurückmelden.“

Natürlich ist es Birgit. Sie passt die Vornamen ihrem jeweiligen Urlaubsland an. Letztes Jahr nannte sie sich Brigitte. Und mich Philippe.

„Und?“ fragt Teresa.

„Es ist Birgit.“

„Sag ihr, du stehst mit der Einkaufstasche im Gang!“ sagt Teresa.

„Wer klopft da bei dir herum? Hast du die Handwerker im Haus?“ sagt Birgit.

„Nein, nein. Wahrscheinlich habe ich unbeabsichtigt mit dem Finger aufs Mikrofon getippt.“

„Unbeabsichtigt, Filippo? Ich habe schon verstanden. Du hast keine Lust, mit mir zu quatschen!“

„Gib sie mir!“ bellt Teresa. Und greift nach dem Hörer.

„Sie heißt jetzt Brigida und hat soeben aufgelegt.“ 

„Das ist wieder mal typisch für dich,“ sagt Teresa und wirft mir diesen bestimmten Blick zu.

„Für mich? Es ist Birgit, die aufgelegt hat.“

„Und? Was schlägst du nun vor?“

„Was ich vorschlage? Im Moment nichts.“

„Und über den Moment hinaus?“

„Innehalten, wenn das Telefon klingelt.“

„Innehalten? Wozu denn das?“

„Um erstmal herauszufinden, ob wir überhaupt angerufen werden wollen. Und nicht vielleicht was ganz anderes vorhaben. Die meisten Anrufer geben dann ohnehin auf. Falls nicht, schaltet sich der Anrufbeantworter ein. Reicht die Ausdauer des Anrufers oder der Anruferin bis zum Ende einer bewusst ausladend formulierten Ansage, erfahren wir seine oder ihre Identität. Dann können wir immer noch entscheiden, ob wir mit ihm oder ihr reden wollen. Oder eben nicht. Warum sollten wir uns von der spontanen Gesprächslaune etwaiger Anrufer oder Anruferinnen gängeln lassen? Um ein bereits gefasstes Ziel wieder aus den Augen zu verlieren.“

„Du lieber Himmel, Philipp! Dann kannst du dich genauso gut über Rauchzeichen verständigen.“

„Warum nicht? In manchen Kulturen hat das jahrhundertelang funktioniert. Muss ich mich einer Zeit anpassen, in der bereits Kleinkinder in eigene Handys sabbern?“

„Wow! Du verdrehst meine Gedanken solange, bis sie den denselben Verwirrungsgrad aufweisen wie deine eigenen,“ sagt Teresa.

„Wenn du dich schon auf Proust berufst, dann zitiere ihn bitte korrekt!“

„Proust? Du meinst Marcel Proust? Was hat der denn damit zu tun?“

„Vergiss es! Jedenfalls verfehlt dein Satz den Kern der mir von dir aufgedrängten Auseinandersetzung.“

„Mannomann! Der Kern der dir von mir aufgedrängten… Geht‘s noch verschachtelter? Was ist denn nun dieser Kern, der dir angeblich von mir aufgedrängten Auseinandersetzung, deiner Ansicht nach?“

„Dass sie, wie jede andere in ein Dilemma führt. Abheben und Einkaufen war nun mal nicht zeitgleich zu schaffen.“

„Guter Gott, Philipp! Im Alltag muss man fortwährend Verschiedenes gleichzeitig tun. Wenn das jedes Mal in ein Dilemma führte, wären wir praktisch denk- und handlungsunfähig.“

„War es nicht deine Idee gewesen, mich mit dem Alltäglichen zu beschäftigen?“

„Bravo, Philipp! Bravo, bravo!“ sagt Teresa und klatscht ihre Handflächen mehrmals aufeinander, „du hast es geschafft, mich so lange in Unergiebiges zu verwickeln, dass der Supermarkt inzwischen zu ist. Wie du das nur immer hinkriegst, mit sophistischen Winkelzügen die allgemein gültige Wirklichkeit solange zu verquirlen, bist du sie in deine eigene verwandelt hast?“

„Oh! Interessant. Was hältst den denn für die allgemein gültige Wirklichkeit?“

„Das ist die, aus der du dich herausmogelst. Indem du Sachliches und Persönliches vermischst. Um Streit herbei zu polemisieren. Und damit jedem Gespräch eine gemeinsame Basis entziehst. Unmöglich nicht Ball in deinem Spiel zu werden. Um es mal mit deinen Worten zu sagen. Nützt es deinen Argumenten, berufst du dich auf die Logik. Tut sie es nicht, wirfst du sie über Bord. Und verweigerst dich evidenten Zusammenhängen. Kannst dich plötzlich an nichts mehr erinnern. Ist dir jedoch ein logisch kohärentes Vorgehen opportun, verfolgst du deine und meine Aussagen jahrzehntelang zurück. Wendest das, was im Außen war nach innen. Schubst alles zuvor Gesagte aus deinen und meinen Sätzen. Und biegst sie dir nach deinem Gutdünken zurecht. Kurz gesagt: du redest dir die Erde eckig. Und die Äpfel zu Bananen.“

„Äpfel? Bananen?“

„Ach hör doch auf, dich an meine Worte zu klammern und sie aus dem Kontext zu eliminieren, um den Gesamtzusammenhang zu entkräften und immer wieder bei Grundsatzdebatten anzukommen.

Ist das, was wir sehen, auch das, was wir sehen? Oder nur das, was wir zu sehen meinen? Existiert, was wir um uns herum wahrnehmen? Oder phantasieren wir es uns nur zusammen? Sind wir selbst überhaupt da? Oder werden wir nur in all das, was wir sehen hineingeträumt? Oder träumen es aus uns heraus. Und so weiter, und so weiter…“

Teresa hält inne. Schaut einmal um sich herum.

„Immerhin,“ lacht sie und klatscht wieder in die Hände, „immerhin ist es mir gelungen, dich von deiner Panik abzulenken. Schau aus dem Fenster! Alle Straßenlampen sind an. Und aus allen Fenstern leuchtet dir Licht entgegen. Die Dämmerung ist vorüber.“

„Ja, du hast recht. Aber morgen Abend, wird sie neuerlich da sein.“

„Glaub mir, Philipp!“ Teresa schüttelt ihren Kopf. „Du solltest einen Therapeuten aufsuchen!“

„Wird er die Rotation unseres Planeten zum Stillstand bringen können?“

Natürlich legt auch der nächste Tag wieder diesen Zwischenhalt ein, innerhalb dessen er sich quälend dahinhinziehend in Nacht verwandelt. Und wieder flüchte ich von irgendwo nach nirgendwo. Während sich die Dunkelheit, anfangs kaum wahrnehmbar heranschleicht. Sich dann immer fordernder über die Stadt wölbt. Beharrlich saugt und saugt. Bis sie alles Licht in sich hineingeschlungen hat. Und nichts mehr vom Tag übrig ist.

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WhatsApp Nachricht von Michael

Hallo Daniel,

wollte Dich nur wissen lassen, dass ich „Heimat“ mit großer Freude und fast in einem Zug gelesen habe. Anrührend, bestürzend, witzig, oft fast surreal und insgesamt ein großer Gewinn für mich. Danke.

Liebe Grüße Euch beiden

Michael

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„Heimat“ mein neuer Roman

Ich bin der Heinrich Hofer. Der Hanswurst. Der Trottel. Der Dorfdepp. Und ich war schon tot, als ich geboren wurde. Dabei hatte es gar nicht so übel angefangen. Ich bin nämlich an einem Sonntag geboren. Einem Sonntag im August, der mich und die letzte Sommerhitze ausbrütete. Das war aber auch schon alles. Vermutlich habe ich das bereits geahnt, als mich meine Mutter in die Welt zu pressen versuchte. Denn ich wehrte mich so gut ich konnte. Und meine Mutter hatte viel Mühe damit. Als ich schließlich doch herausschlüpfte, war ich tot. Jedenfalls glaubte das meine Mutter. Und sie war recht traurig, wo doch nun die ganze Plagerei umsonst gewesen war. Selbst mein Vater muss betroffen dreingeschaut haben, will man den Aussagen meiner Omi Glauben schenken.

„Der Teufel scheißt immer auf denselben Haufen“, soll mein Vater geknurrt haben. Erzählte mir meine Omi später. Aber tief in mir drinnen, habe ich wohl gespürt, dass von irgendwoher viel Unerfreuliches auf den Lebensweg meines Vaters gefallen sein musste. Und ich mit zu diesem Unerfreulichen gehörte.

Die Augusthitze lastete schwer auf dem niederbayrischen Dorf. Mein ganzes Leben sollte mich die Sommerhitze an diese unguten Momente erinnern. Es herrschte jene pralle Stille, die alles, was lebt, zu Boden drückt. Die Katzen verkrochen sich unter Bänken und Maschinen. Wampo, unser Hofhund, vergaß sein Bellen und igelte sich in seiner Hütte ein. Selbst die Bäume duckten sich unter die kochende Stille. Das Vieh auf den baumlosen Weiden litt am meisten. Die weidenden Schweine pressten sich nah an die Stallwand. Die Kühe versuchten sich vergeblich so zueinander zu stellen, dass sie aneinander Schatten gäben.

Lapping ist die größte von drei gottverlassenen niederbayrischen Ortschaften, die sich in eine ausladende Donauschleife schmiegen. Eine schmale Straße durchschneidet riesige Weizenfelder, führt westlich nach Wimling und östlich nach Niederkattlhofen, dem Gemeindesitz der drei Dörfer. In unsere drei Dörfer hineinzufinden ist einfach. Wieder herauszukommen beinahe unmöglich. In unregelmäßigen Abständen fallen die Jugendlichen der Dörfer übereinander her. Verprügeln sich so lange, bis ein Dorf die Oberhand gewinnt. Der so entstandene Burgfriede ist jedoch trügerisch. Schon nach kurzer Zeit fängt es in den unterdrückten Dörfern wieder zu gären an. Und sie fallen neuerlich übereinander her. Das war immer so. Und wird immer so bleiben.

Da jedes unserer drei Dörfer einen anderen Dialekt spricht, gibt es keine wirkliche Verständigung zwischen den Wimlingern und Niederkattlhofenern. Und zwischen ihnen und den Lappingern, die sich fast ausschließlich mit Blök- und Knurrlauten begegnen, schon gar nicht. Die Leute unserer drei Dörfer haben sich ohnehin nichts zu sagen. Gehen sich aus dem Weg, wo sie nur können. Nur sonntags, in der Kirche von Niederkattlhofen, stehen sie heuchlerisch dem Altar zugewandt. Starren auf den Mund vom Pfarrer Wandlinger. Aus dem Worte kommen, die sie nicht verstehen. Und auch gar nicht verstehen wollen.

Ich habe es von Anfang an gespürt. Man hat mich, wie einen Baum, an einen Ort gepflanzt, an dem er nicht gedeihen kann. Natürlich habe ich es versucht, meinen Vorteil zu nutzen, mich von dem mir zugedachten Ort wegbewegen zu können. Also mühte ich mich ab, meine Schritte mit der unter mir rotierenden Erde in Einklang zu bringen.

(der Roman „Heimat“ erscheint demnächst…)

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Mark Chain:

Habe Dein Buch („Der Überfall in der Türkenstraße“) sehr genossen! Sprache, Satz- und Geschichtestruktur, wechselnde Erzähler/in-Ebenen . . .  drei Dialogteile, die ich E X T R A gemocht habe. Rundum gut gemacht, mein Freund!

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Der Gesang der Nachtigallen

neuer Roman erschienen

ISBN: 9783754342510

Es war an einem ungewöhnlich heißen Augustsonntag eines ungewöhnlich heißen Sommers als die Einwohner eines abgelegenen Bergdorfs in den toskanischen Apenninen plötzlich aufhörten zu sprechen.

In einem Augenblick gemeinsamen Verstehens war ihnen klargeworden, genügend Worte verschlissen und deren Unzulänglichkeit entlarvt zu haben. Und sie beschlossen, sich ihrer künftig nicht mehr zu bedienen. Nicht heute. Nicht morgen. Auch nicht in fünfzig Jahren. Niemals mehr. Sie schalteten auch ihre Radios aus. Und ihre Fernseher. …

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Die Fliegenden Mütter im Blick

Hi Daniel,

Wir lesen gerade Dein Buch „Die fliegenden Mütter“ mit großer Freude und sind gerade mit den Italien-Geschichten durch. Wunderbar Deine Beobachtungsgabe, der trockene Humor und die oft knappe, aber dabei farbige und präzise, sorgsam rhythmisierte Sprache. Eine echte Freude.

Liebe Grüße

Michael

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Leserbrief

Lieber Daniel,

Es hat zwar eine Weile gedauert, bis „Der Überfall in der Türkenstraße“ bei unserem Buchhändler angekommen war, aber das Warten hat sich gelohnt. Ich habe das Buch mit großem Vergnügen gelesen. Dieses Kompliment will ich auch begründen, aus ganz subjektiver Perspektive eines Viel- und Gernelesers:

Die Erzählung  hat Humor (die Zeugenbefragung durch die Polizisten nach dem Überfall in der Bankfiliale könnte ähnlich auch bei Karl Valentin vorkommen!), Spannung (Du greifst routiniert, wenn auch mit einer leicht ironischen Distanz, in die Werkzeugkiste der Krimi-Autoren), und Herz (immerhin finden sich am Ende Zwei, nachdem Er sich von seiner Continental, Sie sich von ihrem Vater befreit hat).

Der Polizist Rudi bringt es auf Seite 122 auf den Punkt: „Ein Wachmann, der keiner ist, droht mit einer Pistole, die keine ist und erbeutet eine Geldkassette in der kein Geld ist…“. Man könnte die Reihe fortsetzen: Räuber, die nichts rauben, Studenten, die nicht studieren, ein Sparkassendirektor, der nicht seine Untergebenen knechtet (sondern ihnen Mohnsemmeln kauft), und am Ende ein Krimi, der nicht mit einer Verhaftung, sondern – ich kann dem Wortspiel nicht widerstehen – mit einer Verlobung endet.

Der Reiz dieser ganzen verkehrten Welt liegt darin, dass sie der richtigen den Spiegel vorhält – und das seitenverkehrte Bild ist definitiv erfreulicher als das Original. Als Leser würde man gerne noch ein Weilchen in diesem Bild bleiben: Dem Liebespaar noch ein wenig zuschauen, die Verschrottung von Taxi und Schreibmaschine beobachten, erleben, wie der Sparkassendirektor nach der Bäckerei noch die kommunistische Buchhandlung besucht. Aber das zeichnet ein gutes Buch ja aus: Der Leser kann und muss die Geschichte selber fortspinnen.

Mit herzlichen Grüßen aus Bonn

Helmut Blumbach

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