Fliegende Mütter

Beobachtungen und Begegnungen in kleinen Geschichten

Roller-Rudi oder Warum man den Bäcker grüßen sollte

«Der Bäcker in unserer Straße bäckt, wie viele Bäcker, manchmal vergiftetes Brot. Er weiß sich nicht anders zu helfen.
Das verstehen die Leute in unserer Straße. Und kaufen woanders ihr Brot. Die meisten diesbezüglichen Todesfälle finden daher nicht in unserer Straße statt. Ich bin wohl der einzige in unserer Straße, der doch bei unserem Bäcker einkauft. Denn sein Brot ist im Grunde sehr gut. Wenn es nicht vergiftet ist.
Mein Brot ist auch nie vergiftet. Denn ich grüße unseren Bäcker immer sehr freundlich. Das mag er. Und ich weiß das.
Ich lache über die komischen Leute in unserer Straße, die morgens mehrere Straßenzüge weit gehen müssen, um zu ihrem Brot zu kommen. Einige haben ganz aufgehört zu frühstücken. Besonders die Gehbehinderten.
Als ich dem Bäcker die Geschichte erzähle, lacht er grimmig und bietet mir sofort eine Semmel an. Ich lehne ab. Und verlasse grußlos den Laden. Der Bäcker, völlig irritiert, beißt entschlossen in besagte Semmel.
Wir haben jetzt keinen Bäcker mehr in unserer Straße.
Ich habe Glück gehabt.
Aber für die Gehbehinderten ist die Situation unverändert.

Nach einigen Jahren bin ich dieser Ge­schichte auf ungewöhnliche Weise wieder begegnet.

Im Lokal in dem ich jahrelang die Nächte zu Tagen machte, gab es einen Rollstuhlfahrer, der regelmäßig an meinen Versuchen die Näch­te umzuwandeln teilnahm. Rudi Winter, so hieß er, war kein pflegeleichter Gast. Aber ein ungewöhnlicher Ge­sprächspartner. In seiner exaltierten Art, von absoluter Hoch­stimmung in tiefste Depression zu verfallen, spiegelte sich wild gebärdende Lebenslust wider. In den Exzessen seiner jäh auf und ab wallenden Stimmungsumbrüche mein­te ich das wütende Aufbegehren eines Menschen zu entziffern, dessen Körper wehrlos an diesen trostlosen Stuhl mit zwei Speichenrädern gefesselt ist. Rudi Winter bewegte sich, obwohl eine Hand verkrüppelt und un­brauchbar, und sein karges Gefährt über keinerlei elektronische Hilfen verfügte, mit der verbliebenen nützlichen Hand unglaublich geschickt und behende durch die engen Stuhlreihen des Lokals. Nur beim Herein- und Herausfahren über die zwei behindertenunfreundlichen Steintreppen, benötigte er Hilfe. Die er ohne Umschweife beim nächst­besten Gast oder vorbeieilenden Passanten einforderte.

Sich mit Rudi Winter zu unterhalten war stets eine bedrohliche Gratwanderung. Ich wusste nie, ob er nicht im nächsten Augenblick in einen seiner Traurigkeitsschlünde stürzte. Dann krümm­te er sich zusammen, umschlang die verkrüppelte Hand mit seiner sehr kräftigen gesunden. Und weinte bitterlich…



Die Geschichte vom davonlaufenden Abend


Einmal hat mir einer einen Abend geschenkt, und ich habe mich sehr gefreut darüber.
Es war noch früh am Nachmittag, und so hatte ich viel Zeit, mich auf den Abend vorzubereiten.
Mit so einem Abend kann man viel tun, dachte ich. Und fing an zu überlegen.
Mir fiel dies und jenes ein, wobei ich jenes für besser hielt als dieses. Dann aber fing ich an zu zweifeln. Vielleicht sollte ich mich nicht zwischen diesem und jenem entscheiden. Sollte beides tun. Doch dann fiel noch viel mehr ein, was man tun könnte. Und ich überlegte weiter.

Der Nachmittag ging langsam zu Ende.
Immer mehr fiel mir ein, was ich mit dem geschenkten Abend machen könnte, und je mehr mir einfiel, desto mehr ging der Nachmittag zu Ende.

Vielleicht sollte ich den geschenkten Abend gar nicht verplanen, dachte ich kurz bevor es Abend wurde. Sollte ihn spontan erleben. Ihn auf sich zukommen lassen.
Und schon war es Abend.

Es ging mir nicht gut an diesem Abend, den mir einer geschenkt hatte. Und ich konnte nicht spontan sein. Ich habe auch nicht dieses oder jenes an diesem Abend gemacht.

Es liegt daran, dass die Nachmittag in die Abende überschwimmen, sagte ich mir und hoffte, mir würde wiedermal ein Abend geschenkt werden. Denn jetzt wusste ich woran es lag.

Mir wurden noch viele Abende geschenkt, ohne dass ich spontan sein konnte. Und ich tat weder dieses noch jenes. Die Nachmittage schwammen immer wieder in die Abende über, und ich wusste immer wieder woran es lag.

Irgendwann schenkte mir keiner mehr Abende.

Ein kleiner Junge im U-Bahnhof

München. U-Bahnhof Universität.
Ich gehe mit meiner Frau Passfotos machen, die sie für irgendein Dokument benötigt. Während wir vor dem Automaten auf die Bilder warten, zupft mich ein kleiner Junge. Er will unbedingt meine Trillerpfeife haben, die ich auf einem italienischen Markt erworben habe. -Die Pfeife brauche ich,- sage ich, -wie soll ich sonst meinen Freunden pfeifen?-
Der Kleine zieht weiter an der Pfeife am Schlüsselbund, der an einem Karabinerhaken an meinem Gürtel baumelt.
-Ich muss auch meinen Freunden pfeifen!- sagt er.
Das leuchtet mir ein, und ich gebe ihm die Pfeife.

Kim betrachtet ihre Fotos, die aus dem Automaten züngeln.
Der kleine Junge versteckt meine Pfeife in seiner rechten Hosentasche. Und hält sie dort fest. Er schaut auf seine Füße, die in schmuddeligen Sandalen klemmen.
-Ich habe Hunger!- sagt er.
Kim sieht mich an.
-Wo wohnst du denn?-
Der Junge hebt seinen Kopf.
Was hat das mit meinem Hunger zu tun, fragen seine hellen Augen durch die Haarsträhnen auf seiner Stirn.
Die rechte Hand schweigt in seiner Hosentasche. Die linke zupft wieder an meinem Schlüsselbund. An dem jetzt keine Pfeife mehr hängt.

-Du musst pfeifen!- sage ich, -dann kommen deine Freunde. Und bringen dir was zu essen.-
-Ich hab Hunger!- sagt der Junge.
-Willst du uns nicht sagen, wo du wohnst!- wiederholt Kim.
Will er nicht, denke ich.
-Weit,- sagt der Junge. Streckt seinen Arm. Deutet in den U-Bahnschacht. Und schielt durch seine Haare.
Seine Hände schweigen jetzt solidarisch in den Hosentaschen.
-Die Pfeife braucht er wohl nicht für seine Freunde,- sagt Kim.
Wie sie das meine, frage ich.
-Nur so,- sagt sie.
Der Kleine zupft und zupft und lächelt. Es ist ein ungeübtes Lächeln. Und doch wirkt es verschmitzt.
Das macht der fehlende linke Oberzahn, denke ich.
Kim sieht mich wieder an.

Ich sehe ihre Fotos, die sie noch immer in einem Viererstreifen zwischen den Fingern hält. Viermal ihr Kopf in klein, sehr farbig.
Ich gehe zum Kiosk.
Der Kleine folgt mir.
Kim auch.
-Willst du eine Bockwurst?-
-Ja-mit-Brot,- sagt er schnell.
-Lass ihn doch!- sagt Kim, -merkst du nicht, dass er sich schämt?-
-Eine Bockwurst, bitte!- sage ich zur Kioskfrau, die breit in ihrem Warenkasten thront.
-Und eine Limonade – du willst doch Limonade?- frage ich zu dem Jungen hinunter.
Er schielt auf die Bockwurst.
Die Limonade scheint ihm egal zu sein, denke ich und schüttele innerlich den Kopf. Ich würde keinen Bissen herunterkriegen, ohne zu trinken. Und schon gar keine Bockwurst….

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