Loham

Heimat

Ich bin der Heinrich Hofer.
Der Hanswurst. Der Trottel. Der Dorfdepp. Und ich war schon tot, als ich geboren wurde.

Dabei hatte es gar nicht so übel angefangen. Ich bin nämlich an einem Sonntag geboren. Einem Sonntag im August, der mich und die letzte Sommerhitze ausbrütete. Das war aber auch schon alles.

Vermutlich habe ich das bereits geahnt, als mich meine Mutter in die Welt zu pressen versuchte. Denn ich wehrte mich so gut ich konnte. Und meine Mutter hatte viel Mühe damit. Als ich schließlich doch herausschlüpfte, war ich tot.

Jedenfalls glaubte das meine Mutter. Und sie war recht traurig, wo doch nun die ganze Plagerei umsonst gewesen war. Selbst mein Vater muss betroffen dreingeschaut haben, will man den Aussagen meiner Omi Glauben schenken.

“Nein!” sagte meine Omi entschieden. Und wischte sich den Schweiß von der Stirn. “Der Junge ist doch ein Sonntagskind!”

Und sie packte mich an meinen verschrumpelten Winzlingsfüßen, tauchte mich abwechselnd in kaltes und heißes Wasser. Und gab mir unaufhörlich Klapse auf den Po. Worauf sie noch mehr Schweiß von ihrer Stirn wischen musste.

„Der Teufel scheißt immer auf denselben Haufen“, soll mein Vater schließlich geknurrt haben. Sagte meine Omi später.

Ich wusste nicht, was sie damit meinte. Habe es aber wohl damals schon tief in mir gespürt. Dass von irgendwoher viel Unerfreuliches auf den Lebensweg meines Vaters gefallen sein musste. Und ich zu diesem Unerfreulichen gehörte. Das die Menge des Unerfreulichen, das auf ihn herabgefallen war, nun noch vermehrte.

Noch einmal erhob meine Omi ihre mächtige Stimme. Schließlich war sie zu diesem Anlass eigens aus Holzing angereist: „Der Junge ist ein Sonntagskind! Basta!“

Die Hitze stand flirrend im Schlafzimmer. Kein Lüftchen erfrischte meine Mutter. Die zurückgefallen mit nassen strähnigen Haaren in den dampfenden Kissen lag.

Die Hebamme, nach der mein Vater bereits beim Einsetzen der Wehen geschickt hatte, war immer noch nicht da. War jetzt auch nicht mehr vonnöten. Und noch immer war das Schlafzimmer von den Schreien meiner Mutter erfüllt.

Sollte das Ergebnis dieser Qualen so kläglich gewesen sein?

Meine Omi war freilich fest entschlossen, mich in diese Welt hinein zu prügeln. Und als ich es schließlich nicht mehr aushielt, mich weiter tot zu stellen, puterrot anlief und zu brüllen anfing, waren alle glücklich. Zumindest taten sie so.

Mir dagegen war, als sei ich am falschen Tag zur falschen Zeit in einen Zug eingestiegen, der in die falsche Richtung fuhr.

Mein Vater starrte immer noch auf seinen missglückten Sprössling. Den er nun doch für sich und diese Welt gefügig zu machen hatte. So umzuformen, dass ich den Vorstellungen genügte, die er sich von der Welt gemacht hatte. Die er für die seine hielt. Und in der ich mich nach seinen Vorgaben zu verhalten hatte.

Nachdem mich meine Omi lebendig geschlagen hatte, kamen schwere Stunden auf mich zu. Ich fand sie wenig einladend, diese Welt. In der ich angekommen war. Sonntag hin oder her. Es war nicht der richtige Zeitpunkt, die Welt zu betreten. Die in Trümmern lag. Noch nach Krieg roch. Und der richtige Ort war es schon gar nicht.

Aber mich hat natürlich keiner gefragt…

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