Die Anhalterin

Die Anhalterin

… Ich weiß nicht, warum ich anhalte. Sie winkt nicht einmal. Steht steif unter ihrem Schirm. Wie eine Insel im Regen. Ich fahre an den Straßenrand. Warte. Im Seitenspiegel sehe ich sie an ihrem Schirm hantieren. Will sie ihn öffnen? Oder schließen? Was immer sie vorhat, es scheint ihr nicht zu gelingen. Vielleicht will sie ja gar nicht mitgenommen werden, denke ich. Doch nun habe ich schon mal angehalten.
Ich lege den Rückwärtsgang ein. Lasse den Wagen zurückrollen. Beuge mich über den Beifahrersitz. Und drücke die rechte Seitentür auf.

Sie kommt immer noch nicht mit ihrem Schirm zurecht. Ich warte. Während Regenfäden ins Wageninnere nässen. Schließlich gelingt es ihr, den Schirm zuzuklappen. Ohne aufzuschauen, kriecht sie auf den Sitz. Hievt sich wieder hoch. Fädelt ihren Schal vom Hals. Bettet ihn auf die Sitzfläche. Lässt sich daraufplumpsen. Und zieht die Tür zu.
Ihr Schal ist vermutlich nasser als die Sitzfläche. Aber das ist ja nicht meine Sache.

Sie fragt nicht, wohin ich fahre. Lehnt wortlos ihren Schirm gegen die Mittelkonsole. Fasst nochmal mit beiden Handflächen unter sich. Wohl um den Nässegrad zwischen ihrem Schal und der Sitzfläche abzuwägen. Kuschelt sich dann gegen die Rückenlehne. Wuchtet ihre sackartige
Handtasche auf ihren Schoß. Und kramt einen dicken Wälzer heraus.
Regentropfen bündeln sich zu Bächen, fließen die Schirmfalten abwärts und sammeln sich auf dem Autoteppich.
“Anhalter?” mischt sich Teresa ein, “das sind Überbleibsel aus einer Zeit, in der sich Autobesitzer in der Gunst badeten, Nichtautobesitzern an ihrem Vorteil teilhaben zu lassen. Anhalterfahren ist ein Anachronismus, Philipp.”
Ja, ich weiß, wie Telefonzellen, in einer Zeit, in der bereits Kleinkinder in eigene Handys sabbern. Ob sie das Leselicht einschalten dürfe, fragt meine Beifahrerin, fingert an den Deckenschaltern über der Windschutzscheibe herum. Und drückt den Kipphebel nach unten.
“Nein. Knipsen Sie es bitte wieder aus!”
Sie wirft ihren Kopf ruckartig herum. Als müsse sie ihn gegen einen Widerstand bewegen.
Wer sagt denn heute noch ‘knipsen’? Und wie sie im Dunkeln bitteschön lesen solle?
“Gar nicht,” sage ich, “ich möchte nicht, dass Sie lesen.”
Sie bewegt ihren Kopf noch mehr in meine Richtung. Bis er im Vierziggradwinkel mitten in ihrer Drehbewegung einrastet.
“Sie haben mich schon richtig verstanden. Und bewegen Sie Ihren Kopf nicht so abrupt! Ihre Haare schleudern mir Ihre Regentropfen ins Gesicht.” Es seien nicht ihre Regentropfen. “Aber doch wohl ihre Haare.”
Sie stößt einen zischenden Laut aus. Und macht sich wieder an ihrem Handsack zu schaffen.

Die Autobahn ist leer.
Trotzdem schaue ich stur gerade aus. Kann jedoch nicht verhindern, dass ich ihren Blick auf meiner rechten Gesichtshälfte spüre.
Vermutlich hält sie mich für unfreundlich. Denkt, ich wolle sie gängeln. Meine Macht ausspielen. Der sie sich durch ihr Einsteigen in mein Auto ausgeliefert zu haben glaubt. Dabei käme es mir nicht in den Sinn, mich über jemand anderen zu erheben. Oder meine scheinbar bevorzugte Position auszunutzen. Aber das weiß sie natürlich nicht.

“Manchmal hilft ein Lächeln, Philipp,“ sagt Teresa, “um Bereitschaft zur Freundlichkeit zu signalisieren.”
Mein Gott! Nur kein Lächeln! Es ist kaum auszuhalten, wer einem auf Schritt und Tritt entgegenlächelt. Von jeder Litfaßsäule, jeder Plakatwand, jedem TV-Magazin, aus allen Reklamespots. Ganz zu schweigen von Zahnpasten, Hustensäften, Küchenrollen. Selbst in
Bekleidungskatalogen fühle ich mich von Lächlern und Lächlerinnen umzingelt. Hinz und Kunz umwirbt mich mit stereotyp gefletschten Zähnen, um mir so Freundlichkeit vorzugaukeln.
Kaufhäuser, Autosalons und Raststätten plakatieren ihr ‘herzliches Willkommen’ über ihren Eingängen. Sogar Dörfer und Städte wollen mir schon am Ortsschild weismachen, dass ich ihnen willkommen bin. Und Microsoft geniert sich nicht, mich bei jedem Hochfahren meines Computersneu willkommen zu heißen. Und wo ich mich auch hinbewege, wird mir ein schöner Tag hinterhergewünscht.
“Was stört dich denn daran?” Dass es die pure Heuchelei ist. “Dir wäre es wohl lieber, sie wären so muffig wie du?” …

… Auch dieser Tag legt diesen unerträglichen Zwischenhalt ein, bevor er sich in Nacht verwandelt. Und ich flüchte von irgendwo nach nirgendwo.
Als ich an der Autobahnzufahrt ankomme, bin ich durchweicht.
In großer Geschwindigkeit brausen die Fahrzeuge an mir vorüber. Ihre Reifen schleudern Schmutzwasser beiseite. Windstöße zerren an meinem Parka. Während der Himmel unbeirrt auf mich herunter nieselt.
Immer wieder ziehen Scheinwerferbahnen an mir vorbei. Ich schaue den roten Lichtaugen hinterher, die sich im Nass der Straße zu einem roten Band verwischen.
Meine Schuhe quietschen, wenn ich von einem Bein aufs andere trete, um Wärme in meinen Körper zu pumpen. Der Wind schiebt Wasserfäden auf meiner Brille hin und her. Das Nieseln geht in Landregen über.

Im lauten Aufplatschen der dichter fallenden Tropfen erkenne ich das Motorgeräusch erst, als der Wagen an mir vorübergleitet. Ich will meinen Arm hochreißen. Bekomme die Hand nicht aus der Parkatasche. Kreisele wie eingeschnürt um mich herum. Zerre an den Nähten der Jackentaschen. Verheddere mich auch noch mit Beinen und Füßen.
Als ich meine Hände endlich frei bekomme, ist der Wagen schon vorüber.
Ich hampele von einem Bein aufs andere, um mein Gleichgewicht wieder zu erlangen. Sehe, wie die Bremslichter aufleuchten. Und strauchle, immer noch mit den Armen rudernd, auf den Wagen zu. Die Seitentür fliegt auf. Ich schüttele das Regenwasser aus meinen Taschen. Zögere.
Lasse meinen Blick über die vertraute Karosserie streifen. Lausche in den satten Klang des Sechszylinders.
Mein Herz zerhämmert meinen Brustkorb. Weißliche Rauchschwaden nebeln gegen die offene Beifahrertür.
“Was is? Wenn du nicht mit willst, mach die Tür wieder zu!”…

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