Der Gesang der Nachtigallen

Der Gesang der Nachtigallen

Es war an einem ungewöhnlich heißen Augustsonntag eines ungewöhnlich heißen Sommers, als die Einwohner von Chiacchierata beschlossen, nicht mehr zu sprechen. Nicht heute. Nicht morgen. Und auch nicht in fünfzig Jahren. Niemals mehr.
Sie schalteten ihre Fernseher aus. Ihre Radios. Und sie sollten sie nie wieder einschalten. Sie waren all der aus ihnen herausströmenden und über sie hinweg flutenden Worte überdrüssig geworden.

Unmittelbar nach Don Grazianos Messe war der Blitz dieser kollektiven Erleuchtung in ihre Köpfe eingedrungen. Und mit dem Bedürfnis verschmolzen, von nun an für immer zu schweigen.
Doch als sie dieses Bedürfnis in einer für sie alle verbindlichen Vereinbarung festzulegen versuchten, merkten sie, dass sie sich nicht selber entschieden hatten. Der Beschluss hatte sich ohne ihr Zutun, gleichsam von selbst in ihnen vollzogen. Sie öffneten ratlos ihre Münder. Warteten, wie gewohnt, auf die ineinander purzelnden sich überlagernden Wortschwalle, in denen sie sich beheimatet fühlten. Suchten sich in scheuen Blicken, als diese ausblieben. Ließen ihre Unterkiefer wieder hochklappen. Und nickten in stillem Einverständnis einander zu. Von nun an würden sich ihre Münder nie wieder öffnen, Worte zu formen, um diese über ihre Lippen zu schicken.

Wie jeden Sonntag beschwor Don Graziano auch an diesem heißen Augustsonntag das übliche Höllenszenario auf die in ihre Bänke gekrümmten Einwohner herab. Drohte ihnen mit den Qualen des Fegefeuers, in dem sie, im Widerspruch zur kirchlichen Auslegung, für immer und ewig zu schmoren hätten. Falls sie sich, wie gewöhnlich, durch sachtes Wegdämmern dem Schrecken seiner Schilderungen zu entziehen gedächten. Worauf die Kirchgänger noch mehr in ihre Bänke sanken, vergeblich bemüht, die Last der niederdrückenden Worte von sich zu schütteln. Noch vergewisserte sie der ins Kirchenschiff einströmende monotone Gesang der Zikaden, sich im Diesseits, fern von Fegefeuer und Höllenpforte zu befinden. Doch sie wussten auch, dass jenseits der kühlenden Mauern bereits der Teufel auf sie lauerte, um sie unter dem Joch ihrer Spitzhacke in der brütenden Hitze schon zu Lebzeiten gefügig zu braten.

Die Predigt war noch nicht zu Ende, da spürten die Kirchgänger, wie sich eine befremdliche Unruhe unter ihnen ausbreitete. Die Kerzen der Seitenaltäre flackerten auf. Und als hätte einer an ihren Kitteln gezupft, drehten sich die, die in den ersten Reihen saßen überrascht um und stellten fest, dass sich auch alle andern umgedreht hatten.
Auch Don Graziano spürte, wie ein Zucken durch seinen Körper ging. Mit großer Klarheit sah er seine Gemeinde plötzlich, wie er sie immer empfunden hatte. Eine Herde von Schafen. Die mit abgeschalteten Gehirnen den vor ihnen Sitzenden blicklos in den Nacken stierten. Predigt und Liturgie über sich ergehen ließen. Ihre entkräfteten Leiber schweren Trittes dem Ausgang entgegen wuchteten. Sich vor der Kirchmauer entschuldigend bekreuzigten, um den Sonntag mit der Arbeit auf ihren Feldern zu entweihen, die ihnen zur Strafe die erhoffte Fülle ihrer Früchte vorenthielten. Während sich die Frauen mit abgestumpften Sinnen hinter die verschlossenen Fensterläden ihrer lichtlosen Häuser einnisteten. Und zu ertragen versuchten, was die Männer ihnen abverlangten und aufluden. Und plötzlich schien es Don Graziano unzumutbar, Gott mit dieser Herde Unwürdiger weiterhin zu kompromittieren. Er bekreuzigte sich, unterbrach den Singsang seiner Liturgie mit einem verfrühten Amen. Und verstummte.

Es war für ihn wie die Befreiung von einer Last, die er all die Jahre mit sich herumgeschleppt hatte. Die mahnenden Worte, die er allsonntäglich auf seine Gemeinde niederprasseln ließ, wozu waren sie nutze, wenn sie nicht gehört und schon gar nicht verstanden wurden? Welche Bedeutung kam ihnen zu, wenn er selbst nicht an sie glaubte?
Und Don Graziano erschrak, als ihm bewusstwurde, dass der Zorn, den er über die einfältig gebeugten Köpfe der Einwohner ausschüttete, nicht ihnen, sondern Gott selbst galt. Gott, der sich aus diesem Ort zurückgezogen hatte, um ihn, Don Graziano, mit Beppe hier alleine zurückzulassen. In diesem gemeinsamen Schweigen spürte er die Erfüllung eines unterdrückten Wunsches, der Jahrzehnte in ihm geschlummert, sich jedoch keinen Platz in seinem Bewusstsein zurückerobert hatte. Die tief in ihn eingesunkene Sehnsucht, die unter dem Ballast überflüssiger Worte verschüttet lag, kehrte nun an die Oberfläche seines Seins zurück. Die Sehnsucht nach dem verlorenen Gott, der diesen Ort so schmählich im Stich gelassen hatte. Er spürte, dass sich in diesem Schweigen ein anderes erneuerte. Eines, das er vor undenklich langer Zeit gelobt und wieder gebrochen hatte. Er spürte auch, dass kein Schweigen dieser Welt ausreichen würde, um die Schrecken jenes Augusttages in sich einzuhüllen…

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