R. Daniel Roth

Aus: In Quarantäne

“Du hast mich noch nie gefragt, ob ich mit dir schlafen will,” sagt Katrin unvermittelt, ohne ihren Blick zu senken, “anfangs hat mir das imponiert. Jetzt fängt es mich an zu irritieren.”
Das war direkt. Was ist es, das er im Leuchten ihrer Augen liest? Begehren? Oder will sie ihn nur provozieren? Karl senkt seinen Blick auf ihre Lippen. Bleibt an ihnen haften. Spürt, wie es unter seinen Rippen zu pochen beginnt. Was will sie? Und will ich es, was sie will? Die Sonne berührt ihre Haarspitzen.
“Ich weiß deine Zurückhaltung zu schätzen, Carlos. Aber langsam kommt es mir verdächtig vor.”
“Du meinst, ich sei schwul?”
Das Pochen unter seinen Rippen setzt sich bis in seine Fingerspitzen fort.
“Bist du es denn?” sagt Katrin.
“Und wenn ich es wäre?”
Sie lacht.
“Du bist es aber nicht.”
“Woher willst du das wissen.”
“Ich weiß es eben.”
“Und was kommt dir dann verdächtig an meiner Zurückhaltung vor?”
Zwei Grübchen erscheinen an ihren Mundrändern und verschwinden wieder.
Er fühlt sich müde. Unendlich müde. Immerhin hat sie fast zwei Stunden geschlafen. Und ich bin seit Ewigkeiten wach.
“Ich wollte nichts pflücken, bevor es reif ist,” sagt Karl und kommt sich dabei vor wie ein pubertierender Junge, der sich an ein Mädchen heranmacht und dies zu beschönigen versucht.
“Sehr poetisch,” sagt Katrin, diesmal ohne erkennbaren Unterton, “und so anständig und diszipliniert.”
“Was erwartest du, Katrin? Du bist Jimmis Freundin.”
“Oje, auch noch ein Gutmensch und Kavalier! Was interessiert dich Jimmi?”
“Ich dachte, er interessiert dich?”
“Na und?”
“Ich wollte warten, bis du weißt, wo du hingehörst.”
“Mein Gott, Karl, in welcher Zeit lebst du? Womöglich glaubst du, du müsstest erst um meine Hand anhalten, um mit mir zu schlafen?”
“Was hast du erwartet, Katrin,” sagt Karl nochmal, “dass ich über dich herfalle? Im übrigen finde ich den Ausdruck verklemmt, antiquiert. Und vor allem unwahr.”
“Wie bitte? Welcher Ausdruck?”
“Warum sagen Männer zu Frauen, und Frauen zu Männern, gerade dann, dass sie miteinander schlafen wollen, wenn sie dies doch am allerwenigsten wünschen?”
“Ich verstehe dich noch immer nicht, Carlos.”
“Sie wollen doch nicht zusammen schlafen.”
“Sondern?”
“Na, was wohl? Vögeln, ficken, es miteinander treiben, oder meinetwegen kopulieren, wenn du so willst. Schlafen ist es mit Sicherheit nicht, was sie in diesem Moment wollen.”
Katrin lacht.
“Das war deutlich. Hätte ich dir nicht zugetraut, Karl Strausmann.”
“Schockiert?”
“Eher überrascht. Mittelwege scheint es bei dir nicht zu geben.”
“Und wie sähe so ein Mittelweg bitte aus? Soll ich dir meine Briefmarkensammlung zeigen? Dich ins Kino in die hinterste Reihe einladen und an dir herumfummeln? Dich auf eine Parkbank quetschen und dir unter den Rock fassen? Ich habe dir Blumen geschickt. Ich habe dir eine Geschichte geschickt. Ich dachte, du hättest verstanden, was ich dir damit sagen will. Ich will die zerbrechliche Brücke, die zwischen uns schwingt, nicht zerstören, bevor sie stark genug ist, uns beide zu tragen.”
Katrin entwirrt ihre Beine, zupft an ihrer Hose und Bluse. Setzt sich wieder aufrecht. Und wendetsich ab.
“Entschuldige!”

R. Daniel Roth

R. Daniel Roth