R. Daniel Roth

Aus: Der Gesang der Nachtigallen

Es war an einem ungewöhnlich heißen Augustsonntag eines ungewöhnlich heißen Sommers, als die Einwohner von Chiacchierata beschlossen, nicht mehr zu sprechen. Nicht heute. Nicht morgen. Und auch nicht in fünfzig Jahren. Niemals mehr.
Sie schalteten ihre Fernseher aus. Ihre Radios. Und sie sollten sie nie wieder einschalten. Sie waren all der aus ihnen herausströmenden und über sie hinweg flutenden Worte überdrüssig geworden.

Unmittelbar nach Don Grazianos Messe war der Blitz dieser kollektiven Erleuchtung in ihre Köpfe eingedrungen. Und mit dem Bedürfnis verschmolzen, von nun an für immer zu schweigen.
Doch als sie dieses Bedürfnis in einer für sie alle verbindlichen Vereinbarung festzulegen versuchten, merkten sie, dass sie sich nicht selber entschieden hatten. Der Beschluss hatte sich ohne ihr Zutun, gleichsam von selbst in ihnen vollzogen. Sie öffneten ratlos ihre Münder. Warteten, wie gewohnt, auf die ineinander purzelnden sich überlagernden Wortschwalle, in denen sie sich beheimatet fühlten. Suchten sich in scheuen Blicken, als diese ausblieben. Ließen ihre Unterkiefer wieder hochklappen. Und nickten in stillem Einverständnis einander zu. Von nun an würden sich ihre Münder nie wieder öffnen, Worte zu formen, um diese über ihre Lippen zu schicken.

Wie jeden Sonntag beschwor Don Graziano auch an diesem heißen Augustsonntag das übliche Höllenszenario auf die in ihre Bänke gekrümmten Einwohner herab. Drohte ihnen mit den Qualen des Fegefeuers, in dem sie, im Widerspruch zur kirchlichen Auslegung, für immer und ewig zu schmoren hätten. Falls sie sich, wie gewöhnlich, durch sachtes Wegdämmern dem Schrecken seiner Schilderungen zu entziehen gedächten. Worauf die Kirchgänger noch mehr in ihre Bänke sanken, vergeblich bemüht, die Last der niederdrückenden Worte von sich zu schütteln. Noch vergewisserte sie der ins Kirchenschiff einströmende monotone Gesang der Zikaden, sich im Diesseits, fern von Fegefeuer und Höllenpforte zu befinden. Doch sie wussten auch, dass jenseits der kühlenden Mauern bereits der Teufel auf sie lauerte, um sie unter dem Joch ihrer Spitzhacke in der brütenden Hitze schon zu Lebzeiten gefügig zu braten.

Die Predigt war noch nicht zu Ende, da spürten die Kirchgänger, wie sich eine befremdliche Unruhe unter ihnen ausbreitete. Die Kerzen der Seitenaltäre flackerten auf. Und als hätte einer an ihren Kitteln gezupft, drehten sich die, die in den ersten Reihen saßen überrascht um und stellten fest, dass sich auch alle andern umgedreht hatten.
Auch Don Graziano spürte, wie ein Zucken durch seinen Körper ging. Mit großer Klarheit sah er seine Gemeinde plötzlich, wie er sie immer empfunden hatte. Eine Herde von Schafen. Die mit abgeschalteten Gehirnen den vor ihnen Sitzenden blicklos in den Nacken stierten. Predigt und Liturgie über sich ergehen ließen. Ihre entkräfteten Leiber schweren Trittes dem Ausgang entgegen wuchteten. Sich vor der Kirchmauer entschuldigend bekreuzigten, um den Sonntag mit der Arbeit auf ihren Feldern zu entweihen, die ihnen zur Strafe die erhoffte Fülle ihrer Früchte vorenthielten. Während sich die Frauen mit abgestumpften Sinnen hinter die verschlossenen Fensterläden ihrer lichtlosen Häuser einnisteten. Und zu ertragen versuchten, was die Männer ihnen abverlangten und aufluden. Und plötzlich schien es Don Graziano unzumutbar, Gott mit dieser Herde Unwürdiger weiterhin zu kompromittieren. Er bekreuzigte sich, unterbrach den Singsang seiner Liturgie mit einem verfrühten Amen. Und verstummte.

Es war für ihn wie die Befreiung von einer Last, die er all die Jahre mit sich herumgeschleppt hatte. Die mahnenden Worte, die er allsonntäglich auf seine Gemeinde niederprasseln ließ, wozu waren sie nutze, wenn sie nicht gehört und schon gar nicht verstanden wurden? Welche Bedeutung kam ihnen zu, wenn er selbst nicht an sie glaubte?
Und Don Graziano erschrak, als ihm bewusst wurde, dass der Zorn, den er über die einfältig gebeugten Köpfe der Einwohner ausschüttete, nicht ihnen, sondern Gott selbst galt. Gott, der sich aus diesem Ort zurückgezogen hatte, um ihn, Don Graziano, mit Beppe hier alleine zurückzulassen. In diesem gemeinsamen Schweigen spürte er die Erfüllung eines unterdrückten Wunsches, der Jahrzehnte in ihm geschlummert, sich jedoch keinen Platz in seinem Bewusstsein zurückerobert hatte. Die tief in ihn eingesunkene Sehnsucht, die unter dem Ballast überflüssiger Worte verschüttet lag, kehrte nun an die Oberfläche seines Seins zurück. Die Sehnsucht nach dem verlorenen Gott, der diesen Ort so schmählich im Stich gelassen hatte. Er spürte, dass sich in diesem Schweigen ein anderes erneuerte. Eines, das er vor undenklich langer Zeit gelobt und wieder gebrochen hatte. Er spürte auch, dass kein Schweigen dieser Welt ausreichen würde, um die Schrecken jenes Augusttages in sich einzuhüllen. …

An diesem auch hierzulande ungewöhnlich heißen Augustsonntag hörte der gefeierte Klarinettist Moses Himmelreich plötzlich Töne, die er noch nie zuvor vernommen hatte.
Zuerst glaubte er, sie seien der etwas veränderte Nachhall der von ihm selbst erzeugten. Musste dann aber feststellen, dass sie, obgleich sie seinen eigenen hinterher klangen, nichts mit ihnen gemeinsam hatten. Es waren Töne von vollkommener Reinheit, die zu blasen, er niemals in der Lage sein würde. Das wusste er.
Seit einigen Jahren füllte er Konzertsäle mit seinen Soloauftritten. Genoss den Beifall, den man ihm spendete, den Ruhm, der daraus erwuchs und sich weit über die deutschen Grenzen hinaus erstreckte. Sein Name löste auch in Kollegenkreisen Bewunderung aus. Moses Himmelreich begann als heller Stern am Musikerhimmel zu leuchten. Er spürte, dass er an der Schwelle einer viel versprechenden Karriere stand.

An diesem Hochsommertag jedoch, empfand Moses das Bühnenlicht, das ihn umgab auf einmal zu grell. Den Konzertsaal zu voll. Den ihm zuteilwerdenden Applaus unangemessen. Und zu laut. Selbst der Klang seiner geliebten Klarinette erschreckte ihn. Während der nächsten Konzerte kamen die Töne wieder.
Sie lugten gleichsam hinter seinen eigenen hervor. Verstummten, wenn er seine Klarinette absetzte. Doch kaum schloss sich sein Mund um das Rohrblatt, baute sich die Luftsäule über dem Zwerchfell wieder auf und drängte gegen seine Lippen, da waren die Töne wieder da. Und er musste sich überwinden, seine eigenen dazu zu gesellen. Die diesen anderen, in vollkommener Schönheit den Konzertsaal füllenden, kläglich hinterher hüpften.

Es geschah während eines Benefizkonzertes zu Beginn der Adventszeit, als Moses diese Töne in einer Intensität vernahm, die ihn innehalten ließ. Doch als er ihnen nachzulauschen versuchte, verstummten sie. Er setzte neuerlich das Instrument an seine Lippen, blies, als wolle er sich noch einmal in sein Solo einspielen, die für ihn typischen, in leicht gebogenen Tönen auf und ab schwellenden Arpeggien in den Saal hinaus. Da waren sie wieder, diese Töne, die zunächst wie das Echo seiner eigenen wirkten. Sich dann von ihnen lösten und in ihrem Klangschatten selbständige Melodien entwarfen.

Mehr noch als die eigenmächtigen Tonfolgen, waren es die Töne selbst, die ihn aufmerken ließen. Sie waren von so makelloser Klarheit, wie Moses sie nie zuvor vernommen hatte.
Noch einmal hielt er inne. Versuchte die Töne zu erhorchen, die sich hinter seinen eigenen verborgen zu halten schienen. Sich nun dazwischen drängten. Und wieder abbrachen, als er sein Instrument absetzte. Die Menschen im vollbesetzten Konzertsaal begannen auf ihren Sitzen hin und her zu wetzen, drehten sich verunsichert einander zu. Ein Flüstern und Hüsteln ging durch die Reihen. Erst als es zu allgemeinem Murmeln anschwoll, nahm Moses sein unterbrochenes Spiel wieder auf. Doch kaum erklangen die ersten Töne, drängten sich diese anderen, nie zuvor gehörten wieder dazwischen, die seine eigenen klein, dilettantisch und verkrampft erscheinen ließen. Es schien ihm, als lachten sie über seine stümperhaften Versuche ihnen gleichzukommen, verspotteten sein kümmerliches Spiel. Da setzte Moses seine Klarinette noch vor dem erwarteten Höhepunkt seines Solos ab, legte sie vor sich auf den Parkettboden. Ließ kopfschüttelnd seinen Blick über all jene schweifen, die gekommen waren, um seinem Spiel zu lauschen. Das ihm nun dürftig und keines Applauses mehr würdig schien. Er verbeugte sich vor den raunenden Zuhörern. Und verließ ohne weitere Erklärungen den Konzertsaal. …

R. Daniel Roth

R. Daniel Roth