R. Daniel Roth

Gedichte aus:
Stille in unseren Köpfen

sprechen lernen

abgewrackte vollmonde
mund-tauber waren-frieden
hohl-hippige öko-grinser
flimmer-platte segment-wisser
apokalyptische zyno-masos

medien-hörige info-wichser
ätzende überall-nur-nicht-hier-winsler
herz-ent-blödete hier-und-jetzt-sehnsucht
durch-promovierte alles-zer-quatscher
zernudelte links-und-rechts-küßchen
mega-geile ganzheits-zerdrösler

fischene ständig- d u s

ent-wörterte ver-worte

es ist alles zer-sagt
zeit -
sprechen zu lernen


Interesse

Ich sagte zum Mond
er interessiere mich nicht

Da verlor er sichtbar
an Größe
nahm täglich ab
und verschwand

Einige Tage blieb er ganz weg

Dann
kam er
unauffällig wieder
hauchdünn
und ich betrachtete ihn lange


Stille in unsere Köpfen

Obwohl
wir uns berühren
spüren
wir
uns
nicht

Unser Schweigen
zerredet
unsere Seelen

unser Reden
verwundet
unsere Körper

Laut lärmt
Stille
in unseren Köpfen

wir verschweigen
unterdrücktes Reden


Weltverlierer

Ihr Parlasten und Rhetollen
schwatzt uns auf
was wir nicht wollen
wisst zu genau
was wir nur ahnen
Ihr Obsoten und Kantanen

Ihr Egonen und Trugasten
füllt euch mit Welt
und lasst uns fasten
verwandelt euch in unsere Träume
verbannt uns in die Zwischenräume
Ihr Schwatzachen und Proleume

Ihr Spiritielen und Schmarrahnen
weist uns illustre Autobahnen
die uns aus diesem Leben führen
noch ehe wir’s
von selbst verlieren
Ihr Sakrarer und Schielieren

Ihr Medister und Spartagen
zeigt uns wie der Welt entsagen
erbrütet euch profundes Leben
äugt besorgt in diesem Streben
ins Jenseits, als sei dies schon vergeben
Ihr Esolen und Mysteben

Ihr Exegoten und Gnostonen
wisst vor dem Bösen uns zu schonen
Erzählt uns wo die Götter wohnen
Lasst uns ihr Bild so deutlich lesen
Als wärt ihr selbst schon dort gewesen
Ihr Frasaten und Klugesen

Wir Doofarer und Tristellen
versäumen uns mit anzustellen
bleiben zögernd Weltverlierer
Verseschreiber
Lamentierer
Wir Verstockten und Krepierer


Das Lebenskarussell

Lustig traurig
hoch und tief
fröhlich schaurig
plan und schief
dreht sich unerbittlich schnell
das Lebenskarussell

Lächeln Lichter
Kinder Greise
trübe finstere Gesichter
auf ungestümer Wirbelreise

Farben platzen
Augen plieren
Halbe Münder
leere Fratzen
sich im Kreisel
integrieren

Die Welt rotiert
formt dechiffriert
was neu gebiert
und wächst
zerfetzt sie

Was aus dem Sein
katapultiert
und sich am Trichterrand
verliert
ersetzt sie

Und immer weiter
schnell, schnell, schnell
dreht sich
das Lebenskarussell


Fratzensuche
oder
Gesichtsverlust

Wer sein Gesicht vergaß
verloren hat
nie eins besaß
sei voller Zuversicht

Er schwimmt formlos dahin
braucht weder Sein noch Sinn
sucht
findet
und entbehrt sich nicht


Landnahme

Bei Erschaffung der Welt
sind den Tieren
ihre Plätze
zugeteilt worden

nicht den Menschen

Da
haben sie die ganze Erde
besetzt
und kurzerhand
unter sich aufgeteilt

Mein Platz
ist
auf dieser Seite

Einige haben mehr
Die meisten haben weniger -

Die Tiere
haben Glück gehabt


Idylle

Zikadenstille
Auf die Treppe gekrümmt
zwei schwarze Kopftücher
um
leb-los zer-klickte Gesichter

Klein- und großformatig
auf behaglichen Sofas
herumgereicht

zergriffen
verherrlicht
verniedlicht

die lichtlose Steineinsamkeit
der stets verkannten
Idylle


Alle Bäume sind schwarz

Ich sah einen Baum
und der Baum war schwarz

Doch ich kannte von früher
Bäume
Deshalb fragte ich den Baum
warum er denn schwarz sei

Und der Baum antwortete verwundert
alle Bäume sind schwarz


Ihr irrt euch

Flach gepreßt auf der seichten Oberfläche
klemme ich schon
im vorbereiteten Rahmen
hänge ich schon
am vorgesehenen Nagel

Doch der Bildboden klappt auf
ihr seht nicht
wie der Hintergrund sich weitet
und ich
durch Farben und Striche
aus dem Bildinneren krieche
heimlich verschwinde

während ihr mich
noch immer
im Rahmen
am Nagel
glaubt


Die Liebe

Zwei Brücken umspannen
die Welt

tief unten
fließt und vereint

Die eine verspricht
wenn die andere weint
oder zerbricht

Sie als eine Brücke
für beide hält


Auf einer Wolke

sitzt mein Leben
und beäugt mich

Ich probe Schritte nach vorne
Ich fliehe Schritte nach hinten
zögerlich
folgt mir die Wolke

Doch nicht als Komet
den Weg mich zu führen
Erfüllung versprechend

Denn will ich sie spüren
mein Leben berühren
flattert sie auf
ohne Hast
ohne Häme
und lächelt


In einer Wolke
verharrt mein Leben
und belauscht mich

Und ob ich auch rufe
Und ob ich auch schweige
stets über mir
schwebt die Wolke

Doch nicht als Komet
mein Leben enthüllend
den Bann zu zerbrechen

erst wenn ich sie lasse
sie nicht mehr befasse
nicht nach ihr sehe
nicht nach ihr spüre

scheint mir
als ob sie mich sanft berühre -
und auf meinen Lippen
zittert ihr Lächeln


R. Daniel Roth

R. Daniel Roth