R. Daniel Roth

Hineingeboren (Auszug)

... Lappham ist die größte von drei gottverlassenen niederbayrischen Ortschaften, die sich in eine ausladende Donauschleife schmiegen. Eine schmale Straße durchschneidet riesige Weizenfelder, führt westlich nach Wimling und östlich nach Niederkattlhofen, dem Gemeindesitz der drei Dörfer.
In unsere drei Dörfer zu finden ist nicht einfach. Wieder herauszukommen beinahe unmöglich. In unregelmäßigen Abständen fallen die Jugendlichen der Dörfer übereinander her und verprügeln sich solange, bis ein Dorf die Oberhand gewinnt. Der so entstandene Frieden ist jedoch trügerisch. Schon nach kurzer Zeit fängt es in den unterdrückten Dörfern wieder zu gären an. Und sie fallen neuerlich übereinander her.
Das war immer so. Und wird immer so bleiben...

... Die Leute im Dorf mochten meinen Vater nicht. Weil er ein Ausländer war. Für sie war jeder ein Ausländer, der nicht in Lappham geboren wurde. Ein Zugereister. Einer, der nicht dazugehörte. Ein Fremdkörper im Dorf. Sie verstanden nicht, was er sagte. Und sie begriffen nicht, was er tat. Und nun stellten sie voller Groll fest, dass noch ein weiterer Fremdkörper hinzugekommen war. ...

... Es gab nur wenige Aussagen meines Vaters, die nicht mit “man muss” oder “man darf nicht” begannen.
Diese Satzanfänge waren wie große rollende Steine, die sich vor meine Ohren schoben. Und alles was dann folgte nicht mehr in sie eindringen ließen.
Ich musste alles. Und durfte nichts. Das war seine Philosophie.
Ich durfte nicht spielen, wenn die anderen spielten. Und am Sonntag musste ich mit ihm nach Drebelsberg fahren. Stundenlang in Schaufenster glotzen. Die voller Anzüge hingen. Die alle gleich aussahen. Und wenn ich mit dem Dünzl zusammen auf dem Pferdewagen sitzen wollte, was sich als sehnlichster Wunsch durch die ersten Jahre meiner Kindheit zog, sagte mein Vater einfach nur nein. Weder begründete er seine Verbote. Noch erklärte er seine Befehle. Was er sagte, hatte befolgt zu werden. Basta.
Daran änderte sich auch nicht, als sich zwei weitere Leben zu unserer Familie gesellten. Zwar weitete mein Vater nun seine Moralpredigten auf meine Schwester und auf meinen Bruder aus. Denn auch sie konnten ihm von Anfang nichts recht machen. Aber es war vor allem ich, der ihn immer und immer wieder enttäuschte. Weil ich so war, wie ich war.
Er dagegen hatte sich mich anders gewünscht. Vielleicht so wie er war. Oder wie irgend ein anderer. Nur nicht so, wie ich war. Dabei war das gar nicht möglich, weil ich ja ich war. Obwohl ich freilich nicht einmal ich war. Sondern nur die Hülle, die den verdeckte, der sich dahinter verbarg. Der gar nicht zum Vorschein kam. Und den ich nicht zu fassen bekam.
Aber so etwas verstand mein Vater nicht.
Ich, zum Beispiel, habe mir nie vorgestellt, dass er anders sein könnte. So wie er war, war er nun mal. Ob es mir passte oder nicht. Auch wenn es mir meistens nicht passte.
Alles komme nur davon, dass mein Vater nicht rauche und nicht trinke. Behauptete meine Omi. Und goss sich ein Gläschen Likör ein. Deshalb sei er so griesgrämig. Und so rechthaberisch. Leute, die keine Laster haben, sagte sie, seien pingelig, stur und streng. Wie mein Vater eben.
Und natürlich hatte er mit allem recht. Was er an uns auszusetzen hatte. Sagte meine Omi und zwinkerte mir zu.
“Vater hat recht. Das ist ein Naturgesetz in eurer Familie.” Und an Naturgesetzen rüttele man nicht. Sagte sie. Und zwinkerte wieder. Sie seien unumstößlich.
Dass mein Vater sich immerhin am Heiligen Abend mal einen genehmigte, wie er es nannte und eine dicke Zigarre rauchte, wusste meine Omi nicht.
Es stimmte schon, die Heiligabendzigarre hatte einen guten Einfluss auf meinen Vater. Kaum blies er bläuliche Wölkchen vor sich hin, war er plötzlich ein anderer. Er redete dann sogar mit meiner Mutter. Und mit jedem Gläschen Likör wurde er fröhlicher. Denn bei einem blieb es nicht. Manchmal lachte er sogar. Pfiff seine Landfunkmelodien. Und er tanzte dazu. Mit sich selbst. Sah nicht, wie meine Mutter erwartungsvoll auf dem Stuhl hin und her rückte.
Irgendwann schraubte er die Flasche mit dem ‘Danziger Goldwasser’ wieder zu. Schüttelte sie noch einmal. Hielt sie gegen die Glühbirne und ich sah, wie winzigen Goldblättchen in der Flasche herumwirbelten. Dann verschwand die viereckige Flasche in seinem Schreibtisch und ich wusste, sie würde erst in einem Jahr wieder herausgeholt werden. Und noch während sich der süßliche Zigarrenqualm über dem Christbaum blähte, entluden sich schon wieder die ersten “Man muss”- und “Man darf nicht”-Sätze über unsere gerade erst ausgepackten Geschenke. Und ließen sie achtlos liegen. Um der erwarteten Standpauke zu entkommen. Die wir inmitten des weihnachtlichen Familienfriedens noch unerträglicher empfanden als sonst.
Bereits am ersten Weihnachtsfeiertag begann er wieder an uns herum zu nörgeln. Denn was wir auch taten, es passte ihm nicht.

Sicher wäre mein Vater ein anderer geworden, wenn es ihn nicht nach Lappham verschlagen hätte. Es scheint Orte zu geben, über denen sich die Wut der ganzen Menschheit verdichtet. Und niemand, der an einem solchen Ort lebt, kann sich dieser Wut entziehen. Sie ist wie eine ansteckende Krankheit, eine Seuche. Die jeden erfasst, der mit ihr in Berührung kommt.
Lappham war so ein Ort.
Hier hatte mein Vater von Anfang an keine Chance.
Und ich auch nicht.
Denn nicht nur Lappham, unsere drei Dörfer waren voller Wut. Sie entlud sich vom Stärkeren zum Schwächeren hin. Und die Schwächsten fraßen ihre Wut in sich hinein...

... Jedenfalls konnte ich nach all dem Feuer, das auf unserem Hof gewütet hatte, plötzlich nichts mehr sagen. Als hätten die Flammen meine Worte aus mir heraus gebrannt.
Ich hab’s nicht gleich bemerkt. Das heißt, bemerkt hab ich’s schon. Aber ich hab’s nicht bemerken wollen.
Schon nachdem der Blitz bei uns eingeschlagen hatte, fiel mir auf, dass das, was ich sagen wollte, stockender aus mir herauskam. Und da sich niemand die Mühe nahm, abzuwarten, was ich zu berichten hatte, bündelte ich die Worte zuerst in meinem Kopf. Um sie dann in ganzen Sätzen auf einmal herauszupressen.
Leider geschah genau das Gegenteil. Die Sätze verkanteten sich zwischen meinen Zähnen. Sprudelten nur noch stoßartig in ungeordneten Wortfetzen hervor.
Jetzt blieben die Sätze ganz stecken. Und es kam überhaupt nichts mehr aus mir heraus.
Meinem Vater, der mir sowieso nicht zuhörte, fiel es zuerst gar nicht auf. Meine Mutter meinte, es sei wohl der Schrecken, der noch in mir stecke. Und wartete ungeduldig darauf, dass ich endlich sagte, was ich sagen zu sagen wünschte. Natürlich hatte sie nicht ewig Zeit, darauf zu warten, bis ich ihr endlich enthüllte, was ich mit allerlei Gesichtverzerrungen ankündigte. Und dann doch nicht sagte. Irgendwann musste sie wieder in den Hühnerstall. In den Garten. Oder sonst wohin.
“Fällt dir denn gar nichts auf, Jakob?” Sagte sie beim Hinauslaufen zu meinem Vater.
“Was soll mir denn auffallen?” brummte mein Vater. Aber da war meine Mutter schon draußen. Und ich sah, wie er in seine Handflächen schaute...

R. Daniel Roth

R. Daniel Roth