R. Daniel Roth

Warum man den Bäcker grüßen sollte (Auszug)

«Der Bäcker in unserer Straße bäckt, wie viele Bäcker, manchmal vergiftetes Brot. Er weiß sich nicht anders zu helfen.
Das verstehen die Leute in unserer Straße. Und kaufen woanders ihr Brot. Die meisten diesbezüglichen Todesfälle finden daher nicht in unserer Straße statt. Ich bin wohl der einzige in unserer Straße, der doch bei unserem Bäcker einkauft. Denn sein Brot ist im Grunde sehr gut. Wenn es nicht vergiftet ist.
Mein Brot ist auch nie vergiftet. Denn ich grüße unseren Bäcker immer sehr freundlich. Das mag er. Und ich weiß das.
Ich lache über die komischen Leute in unserer Straße, die morgens mehrere Straßenzüge weit gehen müssen, um zu ihrem Brot zu kommen. Einige haben ganz aufgehört zu frühstücken. Besonders die Gehbehinderten.
Als ich dem Bäcker die Geschichte erzähle, lacht er grimmig und bietet mir sofort eine Semmel an. Ich lehne ab. Und verlasse grußlos den Laden. Der Bäcker, völlig irritiert, beißt entschlossen in besagte Semmel.
Wir haben jetzt keinen Bäcker mehr in unserer Straße.
Ich habe Glück gehabt.
Aber für die Gehbehinderten ist die Situation unverändert.

… Geschichten und Gedichte öffnen sich für jeden anders. Klingen hinab in eigene Tiefen. Rüttelt man an den Gittern der Worte, fallen sie aus ihren Begrenzungen, weiten sich und berühren verborgene Schichten durchlebter Räume. Oder ungewußt ersehnter Weiten...
Geschichten sind Spiegel. Schaut man tief genug hinein, liest man in ihnen aus sich selbst heraus.
In einer nieseligen Novembernacht habe ich zum erstenmal gespürt, daß man nicht alles verstehen muß. Und daß man das, was einen am meisten bewegt, ohnehin nicht versteht...


Die Geschichte vom davonlaufenden Abend



Einmal hat mir einer einen Abend geschenkt, und ich habe mich sehr gefreut darüber.
Es war noch früh am Nachmittag, und so hatte ich viel Zeit, mich auf den Abend vorzubereiten.
Mit so einem Abend kann man viel tun, dachte ich. Und fing an zu überlegen.
Mir fiel dies und jenes ein, wobei ich jenes für besser hielt als dieses. Dann aber fing ich an zu zweifeln. Vielleicht sollte ich mich nicht zwischen diesem und jenem entscheiden. Sollte beides tun. Doch dann fiel noch viel mehr ein, was man tun könnte. Und ich überlegte weiter.

Der Nachmittag ging langsam zu Ende.
Immer mehr fiel mir ein, was ich mit dem geschenkten Abend machen könnte, und je mehr mir einfiel, desto mehr ging der Nachmittag zu Ende.

Vielleicht sollte ich den geschenkten Abend gar nicht verplanen, dachte ich kurz bevor es Abend wurde. Sollte ihn spontan erleben. Ihn auf sich zukommen lassen.
Und schon war es Abend.

Es ging mir nicht gut an diesem Abend, den mir einer geschenkt hatte. Und ich konnte nicht spontan sein. Ich habe auch nicht dieses oder jenes an diesem Abend gemacht.

Es liegt daran, dass die Nachmittag in die Abende überschwimmen, sagte ich mir und hoffte, mir würde wiedermal ein Abend geschenkt werden. Denn jetzt wusste ich woran es lag.

Mir wurden noch viele Abende geschenkt, ohne dass ich spontan sein konnte. Und ich tat weder dieses noch jenes. Die Nachmittage schwammen immer wieder in die Abende über, und ich wusste immer wieder woran es lag.

Irgendwann schenkte mir keiner mehr Abende.


Frösche



Es ist weithin unbekannt, dass die Frösche zu den fröhlichsten Tieren gerechnet werden dürfen. Sie treffen sich in Nächten und unterhalten sich ausgelassen. Es gibt nichts, worüber sie sich nicht amüsieren. Sie beobachten das Treiben der Menschen und der anderen Tiere. Und dann lachen sie.
Die Menschen sagen Aquaken@.
Darüber schütteln sie sich vor Lachen.
Es wird regnen, die Frösche quaken so laut, sagt ein Olivenbauer.
Ich halt das nicht aus, prustet einer der Frösche los.
Dann lachen sie alle.


Ein kleiner Junge im U-Bahnhof



München. U-Bahnhof Universität.
Ich gehe mit meiner Frau Passfotos machen, die sie für irgendein Dokument benötigt. Während wir vor dem Automaten auf die Bilder warten, zupft mich ein kleiner Junge. Er will unbedingt meine Trillerpfeife haben, die ich auf einem italienischen Markt erworben habe. -Die Pfeife brauche ich,- sage ich, -wie soll ich sonst meinen Freunden pfeifen?-
Der Kleine zieht weiter an der Pfeife am Schlüsselbund, der an einem Karabinerhaken an meinem Gürtel baumelt.
-Ich muss auch meinen Freunden pfeifen!- sagt er.
Das leuchtet mir ein, und ich gebe ihm die Pfeife.

Kim betrachtet ihre Fotos, die aus dem Automaten züngeln.
Der kleine Junge versteckt meine Pfeife in seiner rechten Hosentasche. Und hält sie dort fest. Er schaut auf seine Füße, die in schmuddeligen Sandalen klemmen.
-Ich habe Hunger!- sagt er.
Kim sieht mich an.
-Wo wohnst du denn?-
Der Junge hebt seinen Kopf.
Was hat das mit meinem Hunger zu tun, fragen seine hellen Augen durch die Haarsträhnen auf seiner Stirn.
Die rechte Hand schweigt in seiner Hosentasche. Die linke zupft wieder an meinem Schlüsselbund. An dem jetzt keine Pfeife mehr hängt.

-Du musst pfeifen!- sage ich, -dann kommen deine Freunde. Und bringen dir was zu essen.-
-Ich hab Hunger!- sagt der Junge.
-Willst du uns nicht sagen, wo du wohnst!- wiederholt Kim.
Will er nicht, denke ich.
-Weit,- sagt der Junge. Streckt seinen Arm. Deutet in den U-Bahnschacht. Und schielt durch seine Haare.
Seine Hände schweigen jetzt solidarisch in den Hosentaschen.
-Die Pfeife braucht er wohl nicht für seine Freunde,- sagt Kim.
Wie sie das meine, frage ich.
-Nur so,- sagt sie.
Der Kleine zupft und zupft und lächelt. Es ist ein ungeübtes Lächeln. Und doch wirkt es verschmitzt.
Das macht der fehlende linke Oberzahn, denke ich.
Kim sieht mich wieder an.

Ich sehe ihre Fotos, die sie noch immer in einem Viererstreifen zwischen den Fingern hält. Viermal ihr Kopf in klein, sehr farbig.
Ich gehe zum Kiosk.
Der Kleine folgt mir.
Kim auch.
-Willst du eine Bockwurst?-
-Ja-mit-Brot,- sagt er schnell.
-Lass ihn doch!- sagt Kim, -merkst du nicht, dass er sich schämt?-
-Eine Bockwurst, bitte!- sage ich zur Kioskfrau, die breit in ihrem Warenkasten thront.
-Und eine Limonade - du willst doch Limonade?- frage ich zu dem Jungen hinunter.
Er schielt auf die Bockwurst.
Die Limonade scheint ihm egal zu sein, denke ich und schüttele innerlich den Kopf. Ich würde keinen Bissen herunterkriegen, ohne zu trinken. Und schon gar nicht eine Bockwurst.

-Senf oder Ketchup?- schnarrt die Kioskfrau.
-Willst Du Senf oder Ketchup, mein Freund?- frage ich in seine Augen, die mich misstrauisch ansehen.
-Du bist nicht sein Freund,- sagt Kim, -auch nicht, wenn du ihm eine Bockwurst kaufst.-
Darauf weiß ich nichts zu sagen. Der Kleine auch nicht.
Ich sehe seine geballte Faust, die sich auf seiner rechten Hosentasche abzeichnet.
Wozu braucht er eigentlich meine Trillerpfeife? Denke ich. Sie ist nicht laut genug. Wenn er von weit kommt, werden seine Freunde sie nicht hören.

-Senf oder Ketchup?- schnarrt die Frau und knallt ein Glas gelbe Limonade vor mich hin.
Der Junge schaut wieder auf seine Füße.
- Geben Sie mir Senf und Ketchup!- sage ich zur Kioskfrau.
Sie schüttelt den Kopf. Und spritzt dickliche braune und rote Soße aus zwei Plastikflaschen auf die Bockwurst.
Ich stelle die Bockwurst mit Senf und Ketchup, und die auf den Papptellerrand geklemmte Semmel neben die Limonade auf der Kioskablage.
Wieder sieht mich Kim an. Deutet auf den Kleinen hinunter. Ich begreife, dass der Junge, dessen Freund ich nicht bin, die Sachen nicht erreicht. Ich rücke einen nahestehenden Bierträger an ihn heran. Er schiebt ihn, ohne mich anzusehen, beiseite.

-Das sieht doch doof aus!- sagt er und fingert zur Ablage hoch. Kriegt die Wurst schließlich zu fassen. Beim Versuch Senf oder Ketchup zu erreichen, lösen sich Brösel aus der Semmel und fallen in seine struppigen Haare. Mit beiden Händen stopft er die Wurst in seinen Mund, und würgt sie gierig in sich hinein. Schiebt reichlich Senf und Ketchup nach.

Ich spüre, dass Kim mich neuerlich mustert.
Habe ich wieder was falsch gemacht?
-Schmeckt=s?- frage ich.
Der Junge hebt seinen Kopf. Sein Gesicht ist rot und gelblichbraun verschmiert. Irgendwie gelingt es ihm, Wurst und Semmel gleichzeitig im Mund zu behalten. Die Limonade hat er noch nicht angerührt. Geht weg, sagen seine Schultern.
Er hält meine Trillerpfeife immer noch fest umklammert in seiner Hosentasche.

-Lass uns gehen!-sagt Kim, -deine gönnerhafte Pose ist ihm peinlich.-
Jetzt zupft sie mich am Schlüsselbund.
Dir oder ihm? Denke ich.
Der Junge mampft unbeirrt weiter. Die eine Hand voll Pfeife. Die andere voll Wurst.
-Tschau!- sage ich.
-Tschau!- sagt Kim.
Die Limonade steht immer noch unberührt.
Die Kioskfrau wirft einen Blick auf den Kleinen, schiebt die Flasche an den Rand der Ablage und widmet sich neuen Kunden.

Wir kommen zu unserem falschgeparkten Auto.
Natürlich klemmt ein Strafzettel unter den Wischerblättern.

-Scheiße,- sage ich.
-Was meinst du damit?- fragt Kim.
Ich deute auf den Strafzettel.
Sie nickt.
Wir steigen ein.
Als ich den Motor anlasse, fängt es zu regnen an. Ich schalte die Scheibenwischer ein. Der in einer Plastikhülle steckende Strafzettel wird hin und hergeschoben Ich versuche mich auf die hin und her huschende Welt vor meiner Windschutzscheibe zu konzentrieren.
-Wir hätten ihn mitnehmen sollen!- sagt Kim, dreht das Seitenfenster herunter, versucht die Hülle mit dem Strafzettel unter dem Scheibenwischerblatt vorzuzupfen.
-Er hat bestimmt niemanden,- fügt sie hinzu.
-Was meinst du damit?-
-Der kleine Junge! Niemand kümmert sich um ihn.-
Ich beobachte den Überholverkehr im Seitenspiegel und versuche aus der sich dahinschleppenden Endlosreihe auszuscheren. Der Regen nimmt zu. Auch ich öffne jetzt mein Seitenfenster, um den Strafzettel zu erwischen. Als ich ihn zu fassen bekomme, schiebt der Scheibenwischer noch einmal nach und schleudert die Plastikhülle auf die Straße.
-Okay!- knurre ich.
-Er ist bestimmt mutterseelenallein,- legt Kim nach.
-Woher willst du das wissen?-
-Hast du gesehen, wie er aussah? Er war fast verhungert!-
-Du übertreibst wiedermal! In erster Linie war er schmutzig. Und er roch!-
-Was hat das damit zu tun? Wir hätten ihn mitnehmen sollen! Wer weiß, wer sich als Nächster seiner erbarmt?-
-Was heißt hier als Nächster?- sage ich verwundert, -sehe ich aus, wie einer, der sich erbarmt?-

Inzwischen haben wir die Herzogstraße erreicht. Es regnet immer heftiger.
Kim lässt nicht locker.
-Und warum hast du ihm dann, bitteschön, diese dämliche Bockwurst gekauft? Mit dem grauslichen Ketchup...-
-....und dem widerlichen Senf...- füge ich hinzu.
-Ach hör doch auf!-
Sie schleudert verärgert linke Hand in meine Richtung.
-Verstehst du denn nicht: er hatte Hunger.-
Ich biege in die Victoriastraße ein.
-Und warum, glaubst du, hab ich ihm eine Bockwurst gekauft?-
-Du willst es einfach nicht kapieren. Der Junge hat niemanden.-
Warum wollte er dann meine Pfeife? Denke ich.
-Ich verstehe nicht, wie du dir das vorstellst?- sage ich, -da mischt man sich nur in etwas hinein!-
-Ah ja? Und du meinst mit einer Pfeife und einer Bockwurst ist es abgetan?-
Ein Autofahrer, den ich um eine Wagenlänge von seinem angestrebten Ziel nach hinten abgedrängt habe, fuchtelt aufgeregt in meinem Rückspiegel.
-Glaub mir! Wir hätten ihn mitnehmen sollen!- beharrt Kim.
-Entschuldige mal, meine Liebe, wie stellst du dir das vor? Man kann nicht einfach anderer Leute Kinder mitnehmen!-
-Woher willst du das wissen?-
-Was wissen?-
-Ob er anderer Leute Kind ist?-
-Unser Kind ist es doch wohl nicht!-
Ich bereue den Satz sofort. Kann die aus mir herausgeschlüpften Worte jedoch nicht mehr zurücknehmen.
Kim krümelt sich in sich zusammen.
-Tut mir leid!-
Ich suche mit der Hand ihr Knie.
-Er war so allein mit d e i n e r Wurst!- sagt Kim und schiebt meine Hand weg.

R. Daniel Roth

R. Daniel Roth